Bärbel Thoelke

Porzellan • Kunstform und Design

Vielfalt der Vervielfältigung

1. April bis 15. Oktober 2017

Porzellanikon Selb

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Bärbel Thoelke

Porzellan • Kunstform und Design



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Bärbel Thoelke - Kunstform und Design / Porzellan aus drei Jahrzehnten

Mitteilungen des städtischen Museums für Kunsthandwerk zu Leipzig / Grassimuseum und seines Freundes- und Förderkreises e.V. (Hrsg.), Heft 8/1998, Text: D. Gielke, S.780 – 821, 35 Abb.

Kunstform und Design – Porzellan aus drei Jahrzehnten
In einem Gedicht von Bertolt Brecht wurde von dem Einfachen gesprochen, das schwer zu machen ist. Zu schwer, wie man weiß, wenn es sich um eine Utopie handelt. Bei der Keramikerin Bärbel Thoelke haben nicht Gesellschaftsentwürfe, sondern Form-Ideen Gestalt angenommen, die ebenfalls einfach erscheinen, deren Umsetzung aber ein Höchstmaß an Konzentration und Einfühlungsvermögen in die spezifischen Eigenschaften des edelsten aller keramischer Werkstoffe, des Porzellans, verlangt. Denn diesem Material vor allem hat sich Bärbel Thoelke verschrieben. Und sie steht damit in einer langen Traditionslinie, die viele klangvolle Namen kennt und die in Europa vom graziösen Formenspiel des Rokoko bis zu der strengen und funktionalen Auffassung geführt hat, wie sie vom Bauhaus vertreten wurde. Dieser auf Schlichtheit und vervielfältigungsreife Formen orientierten Bauhaus-Gesinnung fühlte sich Bärbel Thoelke besonders verpflichtet, als sie nach dem Studium an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst Berlin-Weissensee mit der wegweisenden Förderung durch Prof. Wolfgang Henze 1963 ihre Tätigkeit als Werk-Designerin im Porzellanwerk Freiberg in Sachsen aufnahm. Das zeigte sich von Anfang an in ihren Entwürfen und Modellen, die auf stereometrische Grundkörper wie Kugel, Würfel, Quader und Zylinder Bezug nahmen und gern die leuchtende Farbe des Porzellans als ästhetischen Eigenwert für sich wirken ließen. Davon ausgehend hat Bärbel Thoelke sich stets als Gefäßgestalterin verstanden, für die die Zweckbestimmung ihrer Kreationen auch bei unikathaften Objekten unverzichtbar geblieben ist. Gleichzeitig aber ist für sie das Entwerfen und Ausformen von Gefäßen noch immer auch eine Aufgabe künstlerischen Modellierens plastischer Gebilde gewesen, bei dem der Freiraumkünstlerischer Möglichkeiten auf ebenso schöpferische wie rationelle Weise ausgeschritten wird. So können aus einmal gefundenen Archetypen (Urformen) durch behutsame und differenzierende Veränderungen unwiederholbare Einzelstücke werden. Die entstandenen Vasen, Schalen und Service-Teile sind nicht nur Abwandlungen elementarer Körper mit Gebrauchseigenschaften, sondern funktional definierte Variationen einer ebenso prägnanten wie kunstvollen und sensiblen Formensprache. Denn die von Bärbel Thoelke vorgenommenen Modifikationen einer Grundform oder eines Grundmusters sind von der Art, dass immer wieder neue Facetten der Form-Idee und der Eigenart des Materials zutage treten -in stimmigen Proportionen und subtilen Nuancen, die sowohl zu feinsinnigen visuellem wie haptischen Erleben einladen. Dissonante und bizarre Töne sind ebenso ausgespart wie zusätzliche Farbklänge. In reinem Weiss, fast ein wenig aseptisch, so stehen die Produkte ihrer frühen Schaffensperiode vor uns - belebt nur von knappen Akzentuierungen: ein zweig- oder wellenartiges Relief, eine leicht geschwungene Bänderung, ein geritztes Medaillon.
In diese Konzeption sind freilich auch Rücksichten auf die technischen Erfordernisse des Fertigungsprozesses eingeschlossen. Das gilt in erster Linie für die über Jahre oder - wie das Mokka-Service Madeleine – jahrzehntelang produzierten Modelle, aber auch für solche mit bescheidenerer Auflagenhöhe. Dabei ist jedes der auch für die Serienherstellung geeigneten, aber höchstens in kleiner Anzahl aus der Gussformgewonnenen Stücke durch die Hände der Gestalterin gegangen, einzeln nachgearbeitet und dekoriert worden und trägt so in nicht geringem Masse den Charakter individueller Eigenwertigkeit.
In diesem Sinne sind die von Bärbel Thoelke ausgeführten Arbeiten zwischen dem Kunsthandwerk-und Design-Bereich angesiedelt. Sie vereinigen die schöpferische Phantasie und die Feinnervigkeit der Künstlerin mit dem abwägenden Denken und der Disziplin der Designerin, die theoretische Kenntnisse mit unmittelbar praktischen Erfahrungen und Fertigkeiten in der industriellen Produktion verbunden hat.
Qualitätsmaßstäbe wurden ihr dabei von einer so profilierten Gestalterin wie Ilse Decho vermittelt, die neben ihren Entwürfen für die Glasindustrie selbst eine Reihe von Serviceformen (Service Julia) für das Porzellanwerk Freiberg geschaffen hat. Sie war es, die in einer Art Mentorenrolle bei Bärbel Thoelke das Bewusstsein für die eigenen künstlerischen Fähigkeiten wachrief und gleichsam eine lebendige Brücke bildete zwischen der freien und der industriell eingebundenen Arbeit.
Ihr eigentliches Vorbild aber hat Bärbel Thoelke immer in Kurt Wagenfeld gesehen. Dessen Wirken für den qualitätsvollen Gebrauchsgegenstand, für eine Ästhetik des Einfachen und des für den täglichen Umgang wie selbstverständlich Geeigneten entsprach voll und ganz ihren Intentionen. Ebenso wie die enge künstlerische Mitarbeit an der industriellen Fertigung, deren Voraussetzung für Wagenfeld in gedanklicher Klarheit und handwerklicher Vollkommenheit bestand.
Im Vergleich mit heutigen internationalen Tendenzen könnte man gewisse Berührungspunkte bei der maßvollen und farblich dezenten Formgebung mit feinen Licht- und Schattenwirkungen finden, wie sie zum Beispiel von dem japanischen Porzellankünstler Manji Inoue praktiziert wird.
Für Bärbel Thoelke ist die Arbeit mit dem Porzellan eine ständige, den vollen Einsatz fordernde Aufgabe. Dieses faszinierende und vielfältig ausdrucksfähige Material, zu dem die Gestalterin eine Liebesbeziehung wie ein Spannungsverhältnis unterhält, lässt keine schnellen Erfolge zu. Diese stellen sich erst nach gründlicher geistiger Vorarbeit und gewissenhafter technischer Umsetzung ein und führen über mehrere Stufen von der Ideenfindung über zeichnerische und Modellfassungen bis zum Gutbrand der Stücke.
Allein durch sein Brennverhalten bei Temperaturen bis zu 1450 Grad Celsius ist Porzellan ein nicht gerade leicht zu bearbeitender Stoff, der durchaus die Gefahr des Misslingens durch Rissbildung, Deformation, Verfärbung oder Glasurmängel in sich birgt.
Doch schon die Bereitung der Masse, die nach dem zweimaligen Brennen im Verglüh- und im Gut- oder Garbrand den klingenden, dünnen und lichtdurchlässigen Scherben mit oder ohne Glasur ergeben soll, ist ein komplizierter Prozess, bei dem die Komponenten des Porzellans - Kaolin, Feldspat und Quarzsand - gemischt, homogenisiert und in die richtige Konsistenz gebracht werden müssen.
Eine solche, für den verhältnismäßig raschen Brenn- und Abkühlungs-Vorgang von sechs Stunden geeignete Spezialmischung wird von der Künstlerin aus dem Porzellanwerk Freiberg übernommen die nach dem Modell bzw. einer danach entstanden Matrize gefertigt wurden. Nach dem Trocknen der Masse und der Entnahme des Rohlings aus der Gussform werden die sparsamen Verzierungen angebracht: Aus- und Einschnitte, Ritzungen, Aussparungen mit Hilfe von Wachsreservagen und kleine plastische Zutaten, die insgesamt kein ornamentales Eigenleben gewinnen, sondern die Anlage der Gefäßkomposition unterstützen und betonen.
Den ökonomisch-technologischen Grenzen für das kreative Gestalten einer Werkdesignerin entzog sich Bärbel Thoelke durch die Aspirantur und die Übernahme eines Lehrauftrages an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee sowie den Beginn ihrer freiberuflichen Tätigkeit in der eigenen Berliner Werkstatt im Jahre 1970.
Dennoch blieb sie dem Freiberger Porzellanwerk eng verbunden. Ein Ergebnis des weiteren Zusammenwirkens war die Entwicklung und Serienherstellung des erfolgreichen Cordoflam-Geschirrs 1977. Doch geht die Verbundenheit Bärbel Thoelkes zu diesem Werk, in dem sie noch heute ihre in Berlin vorbereiteten Porzellane im modernen gasbetriebenen Schlittenofen fertigbrennt, über die konkreten Arbeitsleistungen hinaus. Es ist die Atmosphäre in dieser Produktionsstätte, die Bärbel Thoelke als anregend für ihre Arbeit empfindet.
Am Anfang der 80er Jahre wurde das bis dahin produzierte, mitunter zu distanzierter Kühle neigende Weiß-Programm erweitert und bereichert durch die Einbeziehung einer ruhigen und zurückhaltenden Farbigkeit, die vorwiegend als seladon- bis olivgrün durchgefärbte Masse oder als seladongrüner Beguß auf weißem Scherben in Erscheinung tritt. Daneben finden ein sattes, warmes Braun und ein tiefes Graublau Verwendung, aus denen - zum Teil in Intarsien-Technik, das heißt, mit einer manuell in die Form eingelegten äußeren Farbmusterschicht - geäst-oder landschaftsartige Dekore oder andere organisch-malerische Formationen gebildet werden. Späteren, schwarz wirkenden Färbungen von Masse oder Musterung liegt eine Mischung von Chrom-, Nickel- oder Kobaltoxyd zugrunde.
Außerdem wurde ein weiterer Schritt getan, der sich folgerichtig aus dem Vorangegangenem ergab und einer international zu beobachtenden Verlebendigung der keramischen Form als Ausdrucks- und Ideenträger entsprach. Die flächig verlaufenden Dekore wurden durch aufgelegte Fäden und Auftropfungen „begreifbar“, das sinnliche Erfassen von Form und Farbe erfuhr eine deutliche Steigerung. Derartig verzierte Stücke wollen in die Hände genommen werden, um ihren neuen reliefartigen Reiz auch dem Tastsinn zu offenbaren. Die netz- oder geästartigen Strukturen können sich matt auf der Oberfläche liegend darbieten oder von einer Glasur mit wechselnden Lichtreflexen überzogen sein, wobei an den Berührungsstellen der Gefäßteile - wie denen der würfel- oder gerückt kugelförmigen Dosen - die Präzision besticht, mit der die Passgenauigkeit auch der Reliefmuster erreicht wird.
So zeigt sich nicht nur ein Zusammenklang unterschiedlicher Farbpartien und ein Kontrastieren von glasierten und unglasierten Flächen, sondern auch eine plastische Belebung der Oberfläche, die- zum Beispiel bei Schalen und Bechern - durch Schwenk- und Schichtguss nur über die Innenseite der Gefäßwandung verteilt sein kann.
Eine besonders eindrucksvolle Wirkung dieser vegetabilen Strukturen ergibt sich aus der Kombination von malerisch und plastisch angelegtem Dekor mit einer diesem Muster folgenden unregelmäßigen Durchbrechung der Gefäßwand, so dass der Eindruck von nestartig gerundetem feinem Astwerk entsteht, ohne dass die klare Bestimmtheit der Grundform des Gefäßes aufgegeben wird.
Eine Übertragung dieses Prinzips in den Bereich der Wand- und Raumgestaltung ist Bärbel Thoelke mit der Montage von reliefierten, durchbrochenen und partiell eingefärbten Porzellanplatten gelungen, die als hängende diaphane, also durchscheinende Bildflächen ihren Platz vor Lichtzonen wie Fenstern oder beleuchteten Wänden oder aber als Raumteiler einnehmen können. Diese entfernt an textile Gefüge (Patchwork) erinnernden, farblich zurückgenommenen Landschafts- und Architektur-Impressionen lassen die wesentlichen Eigenschaften des Porzellans deutlich hervortreten: die Möglichkeit seiner dünnwandigen und differenzierten Ausformung, seine Härte und Zerbrechlichkeit, sein in verschiedenen Nuancen leuchtendes Weiß, seine Lichtdurchlässigkeit und seine Eignung, Medium für Stimmungsgehalte und Bildhaftigkeit zu sein.
Doch Bärbel Thoelkes Interessen sind in erster Linie auf das Gefäß gerichtet. Hier treffen sich die Koordinaten ihres freien künstlerischen und ihres designhaften, auf Wiederholbarkeit angelegten Gestaltens, wobei in Einzelfällen dem Künstlerisch-Poesievollen der absolute Vorrang eingeräumt wird. Beispiele dafür sind die 1996 entstandenen blütenartigen Schalen, die als zarte lichtdurchflossene Gebilde - geädert oder und mit halmartigen Streifen akzentuiert - eine fast schwerelose Leichtigkeit, ja Immaterialität erreicht zu haben scheinen.
Unverkennbar ist – besonders bei unikathaften Stücken - die Hinwendung zu gelösteren, naturnahen Formen. Diese werden jedoch nicht an die Stelle der anderen, eher in eine geometrisch-technische Richtung tendierenden Gefäßtypen und Gestaltungselemente gesetzt, sondern beide Linie in einem beziehungsvoll kontrastierenden Nebeneinander weitergeführt. So könnte man sie auch als eine Art der Reflexion von Polarität in einem Spannungsfeld ansehen, das für die Gegenwart und den Zeitgeist unserer Tage signifikant ist.
Das Gemeinsame beider Richtungen besteht in der sicheren Anwendung ausgewogener Proportionen, im bewussten und maßvollen Einsatz farblicher Mittel und in einer rational kontrollierten Einfühlsamkeit und Offenheit gegenüber den erprobten und den noch verborgenen Möglichkeiten des Materials, wie sie Bärbel Thoelke unter anderem auf dem Feld der Glasur-Craquelée-Technik realisieren möchte.
Insofern schließt das Werk Bärbel Thoelkes das Beständige und klassisch zu Nennende und das Forschend-Vorantreibende ein, das langsam Reifende und das Vollendete, das Zeitgemäße und das Zeitlose.
Es ist zu hoffen, daß Bärbel Thoelkes Liebe zum Porzellan für sie und für viele andere noch lange folgenreich bleibt und daß ihr Wunsch sich immer wieder aufs neue erfüllen möge, Dinge zu schaffen, „so unaufdringlich wie nötig und so harmonisch wie möglich, störend vielleicht nur, wenn sie fehlen“.
Dieter Giehlke