Bärbel Thoelke

Porzellan • Kunstform und Design

Vielfalt der Vervielfältigung

1. April bis 15. Oktober 2017

Porzellanikon Selb

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Bärbel Thoelke

Porzellan • Kunstform und Design



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Renate Luckner-Bien

Poesie und Sachlichkeit – Neue Arbeiten von Bärbel Thoelke

In: KeramikMagazinEuropa, 1/2007, S. 20-23

Ihre Begeisterung wirkt ansteckend. Ich kenne keine, die so enthusiastisch und in anmutigem Berlinerisch über ihre Arbeit reden kann, wie Bärbel Thoelke: über Porzellan im Allgemeinen und Besonderen, über eingefärbte Massen und spezielle Glasuren, über das Brennen, den mitunter auch physisch schweren Bau der Gipsformen und das Gießen. Vor allem aber spricht sie über Form und Zweck: über die formale Ausbildung ihrer Stücke und die von ihr gewünschten Gebrauchszusammenhänge. Denn in der studierten Formgestalterin, die seit vielen Jahren im eigenen Studio Unikate oder Kleinserien fertigt, ist bis heute die Designerin lebendig, der es auf Genauigkeit und Überprüfbarkeit der formalen Lösung ankommt.Ihre berufliche Ausbildung begann mit einem praktischen Jahr in der Werkstatt des Malers und Keramikers Arnold Klünder in Ahrenshoop. Anschließend, von 1958 bis 1963, studierte Bärbel Thoelke bei Wolfgang Henze, E. R. Vogenauer und Rudolf Kaiser an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Danach arbeitete sie fünf Jahre lang als fest angestellte Designerin für das Porzellanwerk Freiberg in Sachsen. Eine Aspirantur und ein anschließender Lehrauftrag in Berlin/Weißensee führte sie, zu ihrem Glück, zurück nach Berlin. Hier startete sie 1970 ihre selbständige Tätigkeit – ein in der DDR nicht ganz einfaches Unterfangen. Doch mit Unterstützung durch den Verband Bildender Künstler, dessen Mitglied sie 1967 wird, getragen von ihrer Familie, zu der seit 1973 ihr Sohn Christian und seit 1976 ihre Tochter Johanna gehören, und mit der Möglichkeit, ihre Arbeiten in Freiberg brennen zu können, gelingt ihr die Entwicklung einer unverwechselbaren Handschrift und damit eine beispielhafte Karriere.Bei ihrer Suche nach dem eigenen Weg wird sie nachhaltig bestärkt und beeinflusst von Ilse Decho (1919 – 1978). Sie begegnet der renommierten Porzellan- und Glasgestalterin, die in Leipzig lebte und arbeitete und bis zu ihrer Emeritierung an der Burg Giebichenstein in Halle lehrte, als diese 1966 ihr Service „Julia“ für Freiberg gestaltet. Bärbel Thoelke erarbeitet für „Julia“ die Modelle. Die beiden Frauen freunden sich an. Bis heute verehrt Bärbel Thoelke Ilse Decho als Künstlerin und als Mensch. Die hier abgebildete Vase „Der laufende Punkt“ ist denn auch eine Hommage an Ilse Decho; der Titel bezieht sich auf eine Kelchglasserie, die Ilse Decho Mitte der fünfziger Jahre für das Glaswerk Derenburg entwickelte.In der DDR ist Bärbel Thoelke die unangefochtene Meisterin ihres Faches. Jetzt steht auf den Exponatenschildern nicht mehr „Entwurf für Freiberg/Sachen“ sondern „im eigenen Auftrag“. In der DDR verstand man darunter eine Designarbeit, für die es dermaleinst zwar eine große Nachfrage gab, für die sich aber kein Hersteller fand. Mit ihren unikaten Porzellangefäßen ist Bärbel Thoelke ab sofort überall dabei: auf den Kunstausstellungen der DDR in Dresden, bei den Keramikausstellungen in Magdeburg, den Quadriennalen in Erfurt, mehrfach in Faenza und Vallauris, in Gdansk-Sopot und einfach immer, wenn „Keramik aus der DDR“ im Ausland gezeigt wird. Für sie geht es auch nach der politischen Wende in der DDR erfolgreich weiter. Heute besitzen nicht nur die Museen in Leipzig, Berlin, Schwerin und Dresden, sondern auch die Sammlungen in Frechen und im Westerwald Arbeiten von Bärbel Thoelke. Jetzt muss sie sich mit ihrem Thema, dem Porzellan, einer weitaus größeren Konkurrenz stellen. Dass sie sich dabei behauptet, erklärt sich für mich aus der Tatsache, dass sie sich selbst und ihrem künstlerischen Programm, dessen Formvokabular im Wesentlichen auf plastischen geometrischen Grundformen und deren Variationen beruht, treu bleibt. Durch behutsame Formveränderungen, mittels ein- und durchgefärbter Massen, mit transparenten Glasuren und polierten Oberflächen entstehen daraus unwiederholbare Einzelstücke.Wenn man denn will, kann man Bärbel Thoelke in die Reihe der Bauhaus-Adepten stellen. Es geht ihr um Sachlichkeit, um geistige und formale Klarheit. Sie will, dass ihre Stücke unaufdringlich sind, sie sollen harmonisch wirken, „störend vielleicht nur, wenn sie fehlen“. Wenn man Harmonie im Sinne von Konzentration auf Grundelemente, auf Ausgleich und Einfachheit begreifen will, sind ihre Arbeiten harmonisch. Glückerweise haben alle Stücke ein fein bemessenes Quantum an „Störungen“, die sie unverwechselbar und damit besonders anziehend machen. Zum Beispiel bei den Lampionvasen: Wie da ein farbiger Engobefaden scheinbar zufällig über das strenge Relief läuft – das erinnert an fernöstliche Gestaltungsprinzipien.Ihre erste eigene Werkstatt richtete sie sich in einer ehemaligen Bäckerei am Prenzlauer Berg ein. Seit sie sich einen eigenen Ofen kaufen konnte, schrüht sie ihre Stücke selbst und bringt sie dann zum Glattbrennen in das Porzellanwerk. Ihre Liaison mit dem Porzellan bezeichnet sie selbst als eine Amour fou. Porzellan ist, sagt Bärbel Thoelke, wie eine schwierige Liebe , von der man, hat man sich einmal mit ihr eingelassen, nie wieder loskommt. Und: Porzellan machen ist eine empirische Kunst – du wirst hundert Jahre alt und weißt noch immer nicht genug. Glücklicherweise hat es nicht ganz so lange gedauert, bis die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen Bärbel Thoelke einlud, für sie zu arbeiten. Die Manufaktur hatte im Jahr 2000, anlässlich des 125. Geburtstags von Max Adolf Pfeiffer, fast fünfzig Künstlerinnen und Künstler, darunter Bärbel Thoelke eingeladen, „den Werkstoff Porzellan neu auszuloten“. 2005 bekam sie unter der Bedingung, dass sie ausschließlich neue Formen herstelle, die Möglichkeit, ein Jahr lang intensiv mit Meißner Porzellan zu arbeiten. Bärbel Thoelke ist voller Lob für die unvergleichliche Beschaffenheit des Meißner Porzellans: transparent, feinkörnig, nicht reinweiß, eher fast sahnig leuchtend– das sind die Adjektive, die ihre dazu einfallen.Zu den Vereinbarungen mit Meißen gehörte auch die Pflicht, den Stücken einen Titel zu geben. Das ist ihren Arbeiten, denen gewöhnlich alles Narrative fehlt, eher fremd. So gibt es also Titel für alle Bärbel-Thoelke-Meißen-Porzellan-Stücke, die man im Herbst des vergangenen Jahres in einer sehenswerten Ausstellung in der Meissen-Galerie in Berlin, in unmittelbarer Nähe des Gendarmenmarktes, versammelt sehen konnte. Auf diese Weise wird es doch noch literarisch: Mit der kleinen Schale „Venus am Abendhimmel“ zum Beispiel zitiert sie den gleichnamigen Roman von R. G. Waldeck mit dem Untertitel „Talleyrands letzte Liebe“ – einfach deshalb, weil sie den während des in Rede stehenden Jahres voller Begeisterung gelesen hat. Ganz unpassend erscheint mir solcherlei Literarisierung schon deshalb nicht, weil alle ihre Stücke eine ausgesprochen poetische Ausstrahlung haben, die sich demgemäß nur schwer in Worte fassen lässt.